Die psychologischen Mechanismen der Klimakrise

von Johanna Legnar, 34 Jahre, (KL ÖA, Strategie und Awareness)

Jetzt aktiv werden.

Der Klimawandel ist eine existenzielle Bedrohung und gefährdet unser aller Leben. Vor allem das, der nächsten Generationen. Bei all der technischen Errungenschaften sollten wir Menschen diese Gefahr doch eigentlich eindämmen können. Doch irgendetwas scheint uns dabei zu blockieren.

Wir Menschen haben von Anbeginn an eine Art Überlebensprogramm, aufgrund dessen wir Nahrung zu uns nehmen, Unterschlupf, Wärme, aber auch soziale Kontakte suchen. Bei Gefahr reagieren wir mit drei verschiedenen Strategien: Kampf, Flucht oder Einfrieren. Je nach Situation und damit verbundenen Erfolgschancen wird eine der drei Möglichkeiten herangezogen. Welche das ist, hängt auch vom Charakter ab. Dabei geht es nicht nur um physische Bedrohungen wie etwa durch einen Säbelzahntiger, sondern auch um das emotionale Überleben. Unser Verhalten wird beeinflusst durch unser Ego und durch den Wunsch auch nach unserem Tod zu überdauern (Stichwort Grabrede). Wir wollen bei anderen Menschen positiv in Erinnerung bleiben.

Das Wegrennen mag im Zweikampf mit dem Feind vielleicht erfolgreich sein, bewirkt im Falle der Klimakrise jedoch das genaue Gegenteil. Vielmehr verschärft es den Konflikt weiter. Dabei besteht die Gefahr (zunächst) für unser Ego. Wir alle besitzen bestimmte Überzeugungen. Sie helfen uns uns im Leben zurechtfinden, formen unsere Identität und bilden das Fundament unseres Selbstwerts. Geraten diese Überzeugungen ins wanken, ist dadurch auch unser Selbstwert betroffen. Wo früher z.B. das Fahren eines teuren Autos mit Erfolg, Freiheit und „Männlichkeit“ konnotiert war, ist das Auto jetzt - zugespitzt ausgedrückt – die Versinnbildlichung eines Umweltverpesters. Abgeleitet von den oben genannten drei Reaktionen reagieren wir Menschen auf eine fundamentale Veränderung der Weltanschauung mit einer (oder mehrerer) von fünf Bewältigungsstrategien:

Überkompensation (Fight): Die aktive und aggressive Verteidigung der eigenen Weltsicht und symbolische Unsterblichkeit. Bei dieser Strategie kann es sich z.B. um überzeugte Fleischesser handeln. Hier wird geradezu etwas trotzig gehandelt, extra einmal mehr auf die Tube gedrückt, auf sein sogenanntes Recht bestanden und sich keinerlei Freiheit nehmen gelassen.

Verleugnung (Freeze): Das Nicht-Akzeptieren des Sachverhaltes. Diese Reaktion wird auch bei Menschen beobachtet, die eine tödliche Diagnose erhalten. Die eintretenden Konsequenzen sind zu erschütternd und so wird nach Ausreden gesucht, wie zum Beispiel, dass es schon immer Klimaschwankungen gab (was auch stimmt, jedoch noch nie in einer solchen Größenordnung).

Erduldung (Freeze): Die völlige Überwältigung und Ohnmacht. Die Gefahr ist so gewaltig, dass sie unlösbar erscheint und sich unterworfen wird. Das Gefühl der Machtlosigkeit führt zu Resignation und damit Passivität. Bei dieser Strategie wird sich Abhilfe geschaffen, indem sich gesagt wird, es mache keinen Unterschied z.B. nicht mehr zu fliegen. Die Verantwortung wird von sich auf andere übertragen (Blame Shifting).

Vermeidung (Flight): Das aktive aus dem Weg gehen des Konfliktes. Gefühle wie Angst (Klimaangst) oder Schuld wollen nicht gefühlt werden, daher wird das Thema verdrängt. Bei dieser Strategie wird sich kurzfristig abgelenkt und wie betäubt und Gründe herangezogen, wie etwa, man habe keine Zeit. Es wird auf einen „letzten Retter“ wie eine technische Lösung gesetzt.

Kompensation (Fight): Der funktionale Einsatz zur Eindämmung der Gefahr. Bei dieser Bewältigung werden sich die Bedrohung, die damit verbunden Konsequenzen wie auch der eigene Einfluss eingestanden. Die Lösungen des Konfliktes reichen von Auseinandersetzung mit und Kommunikation über die Thematik, über Veränderung der eigenen Lebensweise, bis Aktivismus und politischer Arbeit.

Auch wenn es auf der Hand zu liegen scheint, welche Strategie die Erfolgversprechendste ist, so gelingt es uns Menschen gerade in fundamental bedrohlichen Situationen oft nicht, rational zu entscheiden und zu handeln.

Wir alle sind individuelle Wesen mit unterschiedlichen Erfahrungen und Charakteren. In manchen Situationen bedienen wir uns der einen, in einer anderen Situation einer anderen Strategie oder machen verschiedene Phasen einer Entwicklung durch. Bei der Kommunikation über die Klimakrise sollte die verschiedenen Bewältigungsstrategien berücksichtigt werden. So kann es sein, dass z.B. bei knallhartem Informieren der Folgen der/die Leugner:in aus der Reserve gelockt wird, der/die Vermeidende jedoch noch stärker in die Verdrängung gerät. Eine Musterlösung gibt es also nicht.

Ich bin inzwischen der Überzeugung, dass die Klimakrise eine psychologische Krise ist. Um sie zu bewältigen, muss also genau dort angesetzt werden. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der wir uns über unsere Schwächen und Gefühle wie Schuld, Ohnmacht, Trauer und Wut klar werden, uns mitteilen und austauschen können. Auch das bedeutet für mich Klimagerechtigkeit.

Jetzt aktiv werden.


Quelle: http://climatefactsnow.org/warum-wir-nicht-handeln/

vorheriger Blog-Artikel
Feministische Gedanken zum Rücktritt von Frau Anne Spiegel
nächster Blog-Artikel
Wissenschaftliche Arbeitsweisen in der Politik fehlen