Feministische Gedanken zum Rücktritt von Frau Anne Spiegel

von Alina Mandel (KL RLP)

Der Rücktritt von Frau Spiegel ging ein wenig an mir vorbei, ich gebe es zu.  Wie üblich habe ich alle Hände voll zu tun und erst als ich gefragt wurde, was ich denn davon halte, erfuhr ich davon.

Doch erst einmal, warum wurde überhaupt ich gefragt?

Während der BTW2021 gewann mein Wahlkreis  an trauriger Berühmtheit, WK 198 Ahrweiler. Dann bin ich auch politisch aktiv, Geschäftsführender Vorstand der Klimaliste RLP e.V. in ehrenamtlicher Arbeit und aktiv in der Bundespartei Klimaliste, habe eine Familie, Kinder, einen tiny Hof mit Wald, zwei Jobs, Nebentätigkeiten, Hobbies, einfach gesagt, ein Leben und alles drum herum. Ach ja... Und mir wurde bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen (afab). Scheinbar reicht dies also aus für eine Meinung.

Als FINTA* weiß ich, dass ich härter arbeiten muss und mir weniger Fehler erlauben darf als Menschen, welche bei Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen bekommen haben (amab). Mindestens doppelt so hart, mir wird nichts geschenkt und mit Adleraugen alles beobachtet. Egal was mensch tut, es ist nie genug.

Karriere machen? - Rabenmutter

Fürsorglich? - ungeeignet als Führungskraft

Werte orientiert? - zu laut

Überlegt? - zu zögerlich

Jede Eigenschaft wird solange verdreht bis sie negativ ist. FINTA* können in so einem System, einem patriarchalischen, nur Scheitern, denn sie passen nicht in die Norm.

Verteidigt dies Frau Spiegel? - Nein. Aber Sie musste auf Druck ihrer Kollegen zurücktreten. Alleingelassen, ohne vorbereitete Pressemeldung oder ähnlichem. Fast wie zum Fraß vorgeworfen. Jeden Tag bekleckern Politiker und Politikerinnen* der etablierten Parteien sich nicht mit Ruhm. Die Wenigsten treten zurück, noch weniger davon sind cis-hetero amab und noch weniger dabei so verloren.

Herr Laschet konnte nach seiner Pietätlosigkeit weiter als Kanzlerkandidat der CDU antreten, weiter ein Amt ausüben obwohl er gegen das Gesetz verstoßen hat und hat sich andauernd ausreichendes geleistet. Hoffentlich wird er weiter in die Bedeutungslosigkeit entschwinden, so entblößen musste er sich aber nicht

Hat Frau Spiegel sich während der Ahrtalkatastrophe herausragend oder bemerkenswert engagiert? - Nein. Andere aber auch nicht. Sie alle haben es bis heute nicht. Es liegen immer noch Häuser in Trümmern, Naturschutzgebiete sind voll Dreck, Menschen traumatisiert. Wir warten auf politische Gelder und Beschlüsse.

Das Ahrtal hat viel vor, möchte wachsen, eine Modellregion werden; die Menschen dort nehmen ihre Zukunft selbst in die Hand. Es reicht schon, wenn die etablierten Parteien uns nicht mehr im Weg stehen und Platz machen, wir kümmern uns schon selbst.

Auch wir FINTA* haben viel vor, arbeiten hart und viel und fordern den Respekt, der uns gebührt. Wir wollen die Welt verändern, nicht mehr und nicht weniger!

Liebe Frau Spiegel, dass Sie zu ihrem Fehler stehen und Konsequenzen daraus ziehen, verdient Respekt. Dadurch weisen Sie mehr Integrität auf als ihre Kollegen, vergessen Sie dies nicht.

Auch jetzt können Sie den Menschen im Ahrtal noch bei stehen, denn es ist immer noch ein Trümmerfeld.

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