Redaktioneller Hinweis: Unsere Blogbeiträge sind Meinungen und Anregungen einzelner Mitglieder und nicht die abgestimmte Haltung der Partei Klimaliste.

Klimafreundlich Reisen: Ein Erfahrungsbericht von Hindernissen und Lösungen

von Johanna Legnar

In den Urlaub ohne Auto oder Flugzeug? Ja, das geht. Wenn auch noch (oder wieder?) etwas holprig.

Ich möchte dieses Jahr nach Irland. Die irische Billigfluggesellschaft RyanAir hat Fliegen durch ihre Dumpingpreise revolutioniert, jedoch zum Nachteil unseres Klimas. Nein, fliegen kommt für mich nicht infrage. Und irgendwie reizt mich auch die Herausforderung, es ohne Flugzeug dorthin zu schaffen.

Ja, die Organisation stellt sich als eine kleine Meisterleistung heraus. Welche Fähren fahren denn dahin? Cherbourg oder Roscoff in Frankreich. Jedoch nicht täglich. Warum es in einer Stadt mit Fährhafen (Roscoff) keinen Bahnhof gibt, erschließt sich mir nicht. Ein Bus ist gefunden, aber nicht an Sonntagen. Man darf bei Brittany Ferries nur mit einem Fahrzeug mit? Und das in Zeiten einer Klimakrise? Ich suche weiter: Von Rumänien fährt ein Bus per Fähre über den Ärmelkanal nach England, über Wales und noch mal übers Wasser nach Dublin. Aber nur einmal die Woche – und die Webseite ist auf Rumänisch. Eine weitere Möglichkeit: mit dem Zug von Paris durch den Channel Tunnel nach London in nur etwas mehr als zwei Stunden, dafür aber für 165 Pfund. Bemerkenswert, dass ich innerhalb von einem Tag (15 Stunden) bis an die walisische Küste komme. Online kann ich die Zugfahrt leider nicht buchen und rufe bei der Bahn an. Der Sachbearbeiter hat von dem Land Wales anscheinend noch nie was gehört. Okay, ich muss die Teilstrecken einzeln buchen.

Und dann geht es los! Wenn ich mit Rucksack reise, hätte ich lieber einen Rollkoffer, und wenn ich den mitnehme, will ich lieber einen Rucksack. Hauptsache: wenige Einzelteile. Sitzplatz gefunden, Laptop auf und Steckdose rein: So kann die Zeit wunderbar genutzt werden. Ich bin aber auch durchaus in der Lage, stundenlang die Landschaft zu bewundern.

Paris: Warum hat diese Stadt drei Großbahnhöfe? Ich habe zwar genug Zeit, aber vergessen, dass meine Flat kein Internet im Ausland beinhaltet, und habe deshalb auch nicht daran gedacht, vorher die Offlinekarte herunterzuladen. Und hier spricht tatsächlich nur jede*r Dritte englisch. Ein Bangladeschi rettet mich – gefunden!

Auch wenn es sich um einen Zug handelt, der aber nach England geht, gibt es am Bahnhof Pass- und Gepäckkontrolle wie beim Fliegen. Brexit bleibt Brexit. Ich bin gespannt auf den Tunnel. Aber so viel Zeit nimmt er gar nicht in Anspruch, wie ich erwartet hatte.

In London schaffe ich es trotz Verspätung und Pfund, pünktlich ein Ticket zu lösen und zum nächsten Bahnhof, wo es dann weiter geht nach Wales. In Swansea genieße ich den Abend mit überraschend scharfen Blumenkohlwings und am Strand und verbringe die Nacht in einem Hostel. Am nächsten Morgen geht es weiter nach Fishguard, einem kleinen Nest, das kaum mehr hat als den Fährhafen. Ich hätte all die Pfund, die ich abgehoben hatte, noch auf den Kopf hauen sollen. Dann eben auf der Fähre. Da die jedoch eine technische Instandsetzung braucht, ist sie eine Stunde verspätet. Aber dafür gibt es einen Gutschein über weitere 10 Pfund zur Wiedergutmachung, echt nett! Die Preise im Restaurant sind wie im Flugzeug gepfeffert, es gibt aber sogar einen veganen Burger. Mit einer weiteren Stunde Verzögerung fahr'n wir nun über die See!

Nach nur drei Stunden nähern wir uns der grünen Insel. Ich bin nicht die einzige Fußpassagier*in, die angespannt wartet, bis wir dran sind, denn der letzte Bus wird knapp. Natürlich dürfen wir erst als Letzte von Bord gehen. Und dann bin ich da: Ich verlasse das Hafenterminal in Rosslare und blicke auf den weiten Sandstrand. Was für ein Willkommen! Es steht zwar ein Bus da, aber leider ohne Fahrer. Langsam findet sich eine Traube von etwa 15 Menschen davor ein. Wir sind nur zehn Minuten zu spät und offenbar hat kein*e Mitarbeiter*in Bescheid gegeben. Ein Passagier beschwert sich, und es wird zumindest ein Minibus bis zum nächsten größeren Ort bestellt. So kommt man ins Gespräch, und ich finde heraus, dass ein älteres Ehepaar das gleiche Ziel hat wie ich. Dann teilen wir uns ein Taxi.

Zurück geht es diesmal direkt nach Frankreich. Ich stehe vor dem Hafenterminal, und Frankreich fühlt sich schon nah an, weil viele Passagiere französisch sprechen. Es sind Reisende aller Art da: Junge Menschen, alte Menschen, Familien, Radfahrer*innen und Backpacker. Ich steige als Einzige die Treppe hoch und ein älterer Herr auf der Rolltreppe neben mir grinst mich an. Ich erkläre, dass ich mich ja die nächsten 18 Stunden nicht viel bewegen werde. Cool! Es gibt ein Kino, um sich die Zeit zu vertreiben. Ich habe keine Kabine gebucht. Warum es keine Schlafräume wie im Hostel gibt und stattdessen nur Doppel-, Vier- oder Sechsbettzimmer zur Auswahl gibt, kann ich nicht nachvollziehen. Immerhin gibt es die Möglichkeit von Schlaf- bzw. Liegesitzen. Bequem ist anders. Andere Passagiere haben sich Decken, Schlafsäcke oder Kissen mitgebracht. Am nächsten Morgen werde ich von der Lautsprecherdurchsage geweckt, dass das Frühstück jetzt bereit ist. Ein paar Stunden sind es noch. Dass Fußpassagiere als Letzte aussteigen dürfen, scheint wohl normal zu sein, vielleicht aus Sicherheitsgründen. Beim Verlassen der Fähre rollt ein Tiertransporter neben mir vorbei. Was? Die Kühe waren 18 Stunden lang da drin?

Diesmal hab ich etwas Wartezeit, bis der Zug fährt, schlendere bei schönem Wetter durch Cherbourg und trinke einen Kaffee. Dann geht es wieder nach Paris. Diesmal weiß ich zum Glück, wo ich hin muss.

Fazit: Die Reise war eine tolle Erfahrung, die ich noch viele Male wiederholen werde. Ich finde, der Weg ist das Ziel. Aber um die Masse weg von Auto und Flugzeug zu bekommen, muss sich da noch einiges tun. Systemwandel statt Klimawandel!

Empfehlungen zur Planung und Buchung:
- Buche frühzeitig, um Kosten zu sparen.
- Vergleiche verschiedene Wochentage. Samstags fahren z. B. Bus und Bahn bis spät in den Abend, an Sonntagen dagegen weniger getaktet.
- Plane bei vielen Umstiegen großzügige Umsteigezeiten ein, weil die Wahrscheinlichkeit höher ist, dass ein Zug oder Bus Verspätung hat.
- Buche die Einzelteile erst, wenn du alle zusammenhast. Denn ist Eines davon ausgebucht, bricht die ganze Kette zusammen.

Hilfreiche Webseiten:
- Internationale Verbindungen aller Verkehrsmittel https://www.rome2rio.com/
- Internationale Bus-, Zug- und Blablacarverbindungen https://www.omio.com/
- Internationale Zug- und Busverbindungen https://www.thetrainline.com/ und https://rail.ninja
- Interrail Ticket für mehrere Zugfahrten in einem bestimmten Zeitraum https://www.bahn.de/angebot/international/interrail
- Europäisches Nachtzugnetz https://www.interrail.eu/en/plan-your-trip/tips-and-tricks/trains-europe/night-trains
- Europäisches Flixbusnetz https://global.flixbus.com/bus-routes
- Blablacar bietet auch internationale Mitfahrgelegenheiten an https://www.blablacar.de/
- Allgemeine Tipps https://www.seat61.com/ und https://mossy.earth/guides/travel/travel-without-flying

vorheriger Blog-Artikel
Die neue EU Agrarpolitik ab 2023 - 2
nächster Blog-Artikel
Lützerath aktuell